Was ist eigentlich mit uns Menschen los?

Von Tanja Golob
Was ist eigentlich mit uns Menschen los?

Inhaltsverzeichnis

Ein toter Wal treibt im Meer und Menschen fahren mit Booten hinaus, um auf ihn zu klettern und Fotos zu machen.

Als ich diese Bilder gesehen habe, war ich echt schockiert. Aber nicht nur der tote Wal hat mich traurig gemacht. Sondern etwas anderes. Etwas, das ich kaum in Worte fassen kann. Dieses Gefühl, dass wir uns immer weiter von etwas entfernen. Von Mitgefühl. Von Ehrfurcht. Von Respekt. Von echtem Fühlen. Und ich frage mich: Warum? Was ist passiert?



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Wenn Mitgefühl verloren geht

In den letzten Jahren liest man immer öfter Schlagzeilen, die früher unvorstellbar gewesen wären. Menschen filmen Katastrophen und Unfälle, statt zu helfen. Tragödien werden kommentiert, als wäre es ein Film und nicht die Realität. Das Leid anderer wird zur Chance für den nächsten Post. Alles, wirklich alles, wird fotografiert, gepostet, bewertet und geteilt – oft ohne Scham und ohne Hemmungen.

Es wird vor nichts mehr zurückgeschreckt, nichts ist mehr „heilig“ (wie meine Oma sich ausgedrückt hätte). Manchmal wirkt es auf mich so, als würden wir nur noch „konsumieren“, egal was, selbst den Schmerz anderer.


Die Menschen, so erscheint es mir, stumpfen immer mehr ab.


Aber ist das verwunderlich? Wir leben in einer Welt voller Dauerreize und können uns davon kaum noch abgrenzen. Ständig taucht etwas Lauteres, Härteres oder Schockierenderes auf.

Das Problem: Unser Nervensystem ist dafür nicht gemacht!


Es gab schon immer Tragödien, doch meist eben „nur“ im direkten Umfeld und nicht in dieser ständigen Häufung. Heute sehen wir tagtäglich und innerhalb weniger Minuten Kriege, Katastrophen, Hasskommentare, Gewalt, Streit, Empörung und Leid aus der ganzen Welt. Jeden Tag. Ohne Pause. Da ist es doch eigentlich klar, dass unser Körper und unser Geist sich dagegen schützen müssen. Und wie machen sie das? Durch Distanz. Durch Abstumpfung. Und manchmal sogar durch Ironie.

Denn wenn wir alles fühlen würden, was wir sehen, würden wir irgendwann daran zerbrechen.


Menschlichkeit ist eine Entscheidung

Diese Erkenntnis macht es nicht besser. Aber vielleicht verständlicher. Jedoch macht mir etwas ganz besonders Sorgen: Dass wir uns nämlich langsam an diesen Zustand gewöhnen. Dass echte Betroffenheit immer seltener wird. Dass wir lieber filmen als innehalten. Lieber kommentieren als fühlen. Lieber urteilen als verstehen. Und vielleicht verlieren wir genau dadurch nicht nur Mitgefühl für andere, sondern auch für uns selbst. Denn ein Mensch, der dauerhaft abstumpft, verliert irgendwann nicht nur Empathie für sich und andere, sondern auch Verbindung, Tiefe und Liebe.

Aber genau das macht Menschlichkeit aus!

Und deshalb glaube ich, dass Mitgefühl heute wichtiger ist denn je. Es hat nichts mit Schwäche oder Naivität zu tun, sondern ist eine Entscheidung, hinzusehen, sich berühren zu lassen und nicht jeden Schmerz wegzuscrollen, sondern eben mitzufühlen.

Denn Menschlichkeit entsteht genau dort: In dem Moment, in dem wir wieder fühlen, statt nur zu konsumieren.

Und nein, wir müssen nicht die ganze Welt retten aber vielleicht können wir verhindern, selbst innerlich zu versteinern, indem wir wieder lernen, Gefühle zuzulassen.





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