Wenn dir langweilig ist, hör auf langweilig zu sein
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Ich meine das ernst.
Wir haben heute mehr Möglichkeiten, unsere Zeit zu verbringen, als irgendeine Generation vor uns. Wir können innerhalb von Sekunden Musik hören, Filme sehen, mit Menschen am anderen Ende der Welt sprechen, eine Sprache lernen oder uns Wissen über praktisch jedes Thema aneignen.
Und trotzdem sitzen wir da und sagen: „Mir ist langweilig.“
Wie kann einem eigentlich langweilig sein?
Geh raus. Fahr irgendwohin, wo du noch nie warst. Ruf jemanden an. Koch etwas, das du noch nie gekocht hast. Kauf dir für zehn Euro Wasserfarben und finde heraus, ob du malen kannst. Pflanz einen Baum. Lern drei Sätze Italienisch. Räum den Keller um. Lies ein Buch. Geh allein ins Kino. Setz dich in ein Café und beobachte Menschen. Steig ins Auto und fahr los, ohne vorher zu wissen, wo du deinen Kaffee trinken wirst...
Und wenn dir davon nichts gefällt, dann denk dir selbst etwas aus.
Genau das ist nämlich der Punkt. Es ist nicht die Aufgabe des Lebens, uns zu unterhalten. Irgendwann haben viele von uns angefangen, darauf zu warten, dass etwas passiert. Am Wochenende muss jemand einen Vorschlag machen. Freunde sollen sich melden. Der Partner soll eine Idee haben. Netflix soll einen guten Film ausspucken. Instagram soll uns beschäftigen.
Und wenn nichts davon funktioniert, ist uns langweilig.
Dann sei nicht langweilig.
Mach etwas.
Wir halten Langeweile kaum noch aus
Natürlich hat das Handy die Langeweile nicht erfunden. Menschen haben sich schon gelangweilt, als Telefone noch an Kabeln hingen und das Fernsehprogramm irgendwann nachts einfach vorbei war. Aber beobachte dich mal selbst:
Zwei Minuten irgendwo warten? Handy raus.
Jemand geht im Restaurant kurz auf die Toilette? Handy raus.
Fünf Minuten zu früh beim Arzt? Handy raus.
Selbst an der roten Ampel sieht man Menschen aufs Handy schauen. Wir haben uns daran gewöhnt, jede noch so kleine Lücke zu füllen.
Ich weiß noch, wie man früher irgendwo gewartet hat. Da saß man eben da. Man hat aus dem Fenster geschaut, Leute beobachtet oder vor sich hin gedacht. War das schlimm? Eigentlich nicht.
Heute schaffen wir es kaum noch bis zum ersten richtigen Anflug von Langeweile. Wir sind schneller am Handy, als unser Kopf überhaupt auf die Idee kommen könnte, selbst etwas mit dieser freien Zeit anzufangen.
„Ich wüsste gar nicht, was.“
Den Satz hört man oft. Und den finde ich eigentlich viel trauriger als „Mir ist langweilig“. Wie kann es passieren, dass wir irgendwann gar nicht mehr wissen, was wir gerne machen? Als Kind brauchte man dafür keinen Veranstaltungskalender.
Eine Decke über zwei Stühlen – Höhle.
Ein großer Karton – Haus.
Ein Stock – für alles Mögliche zu gebrauchen.
Man konnte einen Nachmittag damit verbringen, irgendeinen völligen Blödsinn zu machen, und hatte eine wunderbare Zeit. Natürlich sind wir heute erwachsen. Wir arbeiten, haben einen Haushalt, Verpflichtungen und sind manchmal einfach hundemüde. Aber müde sein ist nicht dasselbe wie sich langweilen.
Wenn du müde bist, leg dich aufs Sofa. Wenn dir langweilig ist, steh auf.
Und warum eigentlich immer zu zweit?
Das ist auch so eine Sache. „Ich würde ja gerne, aber mein Mann hat keine Lust.“ „Meine Freundin hat keine Zeit.“ „Alleine macht das doch keinen Spaß.“
Woher wissen wir das eigentlich?
Man kann alleine frühstücken gehen. Alleine ins Kino. Alleine in eine Ausstellung. Alleine durch eine Stadt bummeln. Alleine irgendwo einen Kaffee trinken und dabei Leute beobachten. Man kann sogar alleine Urlaub machen.
Muss man natürlich alles nicht. Aber zu Hause zu bleiben, obwohl man gerne etwas unternehmen würde, nur weil gerade niemand mitkommt, finde ich schade.
Es muss auch gar nichts Besonderes sein
Vielleicht liegt genau da noch ein Problem. Wir sind inzwischen ziemlich anspruchsvoll geworden, was unsere Freizeit angeht. Ein Ausflug muss sich lohnen. Ein Restaurant soll besonders sein. Für ein Wochenende braucht man am besten einen Plan. Und wenn wir verreisen, suchen wir vorher im Internet nach den zehn Dingen, die man dort unbedingt gesehen haben muss. Man kann aber auch einfach losfahren oder loslaufen ohne Sehenswürdigkeit, ohne Bewertung und ohne anschließend ein Foto davon zu posten. Und man muss auch nicht ständig etwas Sinnvolles machen. Nicht jedes Hobby muss einen schlauer, fitter oder ausgeglichener machen. Du musst nicht töpfern, weil es achtsam ist. Du musst nicht joggen, weil es gesund ist. Und du musst auch nicht anfangen, Gemüse anzubauen, um dich selbst zu versorgen.
Du kannst etwas machen, weil du gerade Lust darauf hast. Oder weil du wissen willst, ob es dir Spaß macht.
Oder einfach nur so.
Ich glaube, wir könnten uns viel öfter selbst überraschen.
Wann hast du zum letzten Mal etwas gemacht, das du vorher noch nie gemacht hast? Nichts Großes. Ein neues Rezept. Ein anderer Weg. Ein Laden, an dem du seit Jahren vorbeifährst und noch nie drin warst. Ein Kurs, bei dem du niemanden kennst. Irgendetwas, bei dem du hinterher sagen kannst: „War interessant.“
Und wenn es doof war, weißt du das wenigstens jetzt auch, dann machst du eben beim nächsten Mal etwas anderes. Aber warte nicht darauf, dass dein Partner, deine Freunde, Netflix, Facebook oder sonst irgendjemand dafür sorgt, dass dein Tag interessant wird.
Das ist dein Job.
Also, wenn dir langweilig ist:

